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Brasil

Ich ging aus dem Haus und sah die Schoene das Biest kuessen

Zwei Gesichter - Eine Erfahrung

 


 

Liebe Freunde, liebe Verwandte, Bekannte, Unterstuetzer und sonst alle lieben Menschen, die diese - meine erste Rundmail lesen werden...

Ein ganz ganz liebes "boa tarde" an Euch alle, die ihr so lange auf ein offizielles Rundschrei-ben von mir warten musstet..."Deculpa", "Sorry", "Entschuldigung", “Schande ueber mein Haupt”!!!, aber hier hat jeder Tag ein anderes Gesicht und ich bin erst jetzt dazu gekom-men, meine Erlebnisse und Eindruecke mal geordnet zu Papier zu bringen. Ich bin nun schon tatsaechlich vier Monate hier in diesem Land, das so viele unterschiedliche Fassetten - seien es Klaenge, Gerueche, Geschmaecker, Gesichter, Eigenarten, Lebensweisen oder Naturschönheiten - bietet.

Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit hier vergeht und wie man mitgerissen wird, vom bra-silianischen Lebensrhythmus. Ich will nicht sagen, dass ich mich schon komplett daran ge-woehnt habe; noch zu oft packen mich diese Momente, in denen ich staunend innehalte und es mir durch Kopf und Koerper schiesst :" Krass... klein Camillchen weit weit weg im fernen Brasilien... und alles ist gut... vielleicht ist ja alles doch nur ein Traum !?“ aber ich kann, denke ich, mit gutem Gewissen behaupten, dass ich mich schon ganz gut eingelebt habe, dass sich fuer mich hier mittlerweile eine gewisse Art von Alltag eingestellt hat und die Tage ihren Rhythmus gefunden haben... Ja, ich bin angekommen! Aber ich will von An-fang an beginnen ...................... Die meisten von Euch werden wahrscheinlich schon den Brief, den ich an meine herzallerliebste "Mamãe" anlaesslich ihres Geburtstagsfestes im Au-gust, geschrieben habe, erhalten haben, in dem ich die Eindruecke meines ersten Monats gen Heimat geschickt habe. Wenn nicht, dann koennt ihr ihn auf meinem Blog, den ich nun auch versuche, oefters mit Inhalt zu fuellen, nachlesen.

www.myblog.de/camillanobrasil

Brasilien....

Na, wo ist er denn nun, der Anfang?!?!?!?
Ein Film voll bunter Bilder zieht gerade vor meinem inneren Auge dahin und ein Laecheln macht sich auf meinen Lippen breit...

Brasilien...
ein Land, welches tagtaeglich ein bisschen mehr seiner Geheimnisse preisgibt...

Brasilien...
bunt, laut, belebt, arm, reich, dreckig, wunderschoen, heiss, tropical, tanzend, lachend, liebevoll, gewalttaetig, frei, gefaehrlich, unberechenbar, umarmend, aufmerksam, gastfreundlich, sanft, rau, korrupt, zaertlich, ehrlich und unehrlich zugleich.............

Brasilien…
das Land der zwei Gesichter

...eine Vielfalt, wie sie mir in meinem Leben noch nie in dieser Art und Weise begegnet ist.

Vier Monate... viel habe ich schon erlebt und viele Schritte bin ich schon gegangen... jeden Tag lerne ich mehr und jeden Tag fuehle ich mich ein bisschen mehr "angekommen".

Vier Monate, die vergingen, wie ein Augenblinzeln…

Zu viele Ereignisse und Eindruecke durchfluten gerade meine Gedanken, um Euch an allen teilhaben zu lassen; doch ich moechte versuchen, Euch einen kleinen Eindruck davon zu vermitteln, was hier zur Zeit mein Leben bestimmt.

Um dem Ganzen ein bisschen Struktur zu verleihen, habe ich meinen Rundbrief in ver-schiedene Teile gegliedert…

Und beginnen moechte ich mit meinen Projekt, denn das ist ja wahrscheinlich das, was Euch am meisten interessiert und der Grund, weshalb ich ueberhaupt hier sein kann.

Projekt:

Als ich am fünften August hier bei meiner Gastfamilie ankam, stand mein Projekt noch in den Sternen… ich wusste zwar, dass ich in einer Creche ( einem Kindergarten/Kinderhort) mithelfen wuerde, aber welche das genau sein wuerde, wusste ich nicht.

Bernd und ich sind dann die Moeglichkeiten abgefahren und haben uns letztendlich fuer die Creche der Communidade Santa Teresinha, in einem der aermsten Bairros(Stadtviertel) hier, entschieden.

Die Creche wird ebenfalls von Freiwilligen geleitet, von Jugendlichen in meinem Alter. Die Kinder sind zwischen 3 und 6 Jahren alt, werden dort betreut, bekommen, was mit das wichtigste ist, etwas zu essen und bleiben von 8 bis 11 Uhr in der Creche.

Anfangs war mein Dienst hiermit beendet und ich konnte nach Hause gehen bzw bin noch bis vier Uhr dort geblieben, um meine Zeit mit den Kindern und Leuten des Bairros zu ver-bringen. Normalerweise wird in der Creche, die gleichzeitig eine Art Pfarrhaus ist, nachmit-tags Capoeira-(brasilianische Kampftanzart), Fussball- und Musikunterricht angeboten. Doch irgendwie funktioniert das Ganze nicht so wirklich, da entweder die zustaendigen Lehrer nicht erscheinen oder es kein Interesse bei den Schuelern gibt. Ich habe dann ange-fangen Klavierunterricht zu geben, was dann aber eher ein “Ab-und-zu-zusammensitzen-und-Musik-machen” war.

In dieser Zeit war ich unzufrieden, mit mir und der unzuverlaessigen Art der Brasilianer, da ich mir etwas unnuetz vorkam und meine Nachmittage oft aus „Herumsitzen“, Warten und „Nichtstun“ bestanden. Aber das ist eine Sache, an die man sich hier gewoehnen muss.

Niemand haelt sich an Termine oder an einen genauen Zeitplan.

Mit Unpuenktlichkeit ist zu rechnen und auch voellig normal. Dennoch nimmt alles seinen natuerlichen Lauf, mal mit mehr, mal mit weniger erfolgreichem Resultat.

Ich habe dann eine Zeit lang jeden Tag morgens Familien des Bairros besucht, die der Bischof mit Nahrungsmitteln unterstuetzt und/oder ihnen ein Haus hat bauen lassen, da sie wirklich zu den Aermsten der Armen gehoeren.

Diese Erfahrung war sehr beeinruckend, und hat mir die Realitaet, ganz unverfaelscht, vor Augen gefuehrt. Es ist fuer uns kaum vorstellbar, wie die Lebensbedingungen mancher Familien hier aussehen. Ein Leben mit teilweise bis zu 10 Personen und mehr unter einem Dach. Einem Dach, das nur getragen wird von Holz und Lehm, ohne Wasser, ohne Strom, an Hab und Gut quasi ein Hauch von Nichts. Kinder, die zu zweit in einer Haengematte schlafen muessen, da es selbst an Schlafplaetzen mangelt, das Klo eine in den Boden eingelassene Schuessel, deren Sichtschutz aus Palmblaettern oder Plastikplanen besteht, die Kinder voll Wuermer und Dreck. Maedchen, die mit 12 Jahren die Schule “schmeissen” und deren Alltag nun aus Alkohol, Drogen und Maennern besteht. Frauen, die mit 14/15Jahren ihr erstes Kind bekommen und das Kinderkriegen ab dann zu deren Lebensaufgabe wird (es gibt eine Frau, die 25 Kinder hat, die aber nichts dagegen tun moechte, bis Gott von selbst ihr keine Kinder mehr schenken wird!!!!!!!). Die Vaeter, meist dem Alkohol verfallen und oft schon ueber alle Berge. Die Muetter, resignierend mit Trauer und Hilflosigkeit in den Augen. (ich moechte hier nichts verallgemeinern - nicht allen geht es so…. aber vielen!)

Und trotz alledem herrscht gerade bei diesen Familien eine atemberaubende Gastfreund-schaft vor.

Anfangs zwar mit Distanz und Misstrauen, denn sie haben sich sicher auch gefragt, was ich wohl bei ihnen will, doch schnell war das Eis gebrochen und es wurde eine sehr intensive Erfahrung fuer mich. Eine Erfahrung, die mich hat stumm werden lassen, angesichts der Armut, der Resignation und Tatsache, dass ich ja doch nichts machen kann. So viel Leid herrscht auf der Welt und dieser Not von Angesicht zu Angesicht entgegenzublicken, in Au-gen, die nach einem “warum?” schreien, ist unglaublich schwer und schnuert mir immer wieder aus Neue die Kehle zu.

Wir sollten Gott jeden Tag dafuer danken, fuer all das, was wir haben, dass wir gesund sind und ein warmes , wohliges Zuhause haben. Und vor allem sollten wir uns bewusst machen, dass all das eben nicht selbstverstaendlich ist.

Floeten:

Eines Tages tauchte der Musiklehrer Professor Carlos, der eigentlich die Musikstunden in der Creche geben sollte, jedoch viel zu beschaeftigt ist, in meinem Projekt auf und hat mich gefragt, ob ich nicht Floetenunterricht geben koenne. “Klar!” hab ich gesagt und mich gefreut, eine Aufgabe gefunden zu haben. Meine Floetenkenntnisse begrenzten sich zwar auf das, was ich in der Grundschule mal gelernt habe, doch es ist mehr haengen geblie-ben, als ich dachte. ( An dieser Stelle ein Hoch auf meinen Grundschullehrer Herr Simonis!!!)

Nun gebe ich also jeden Tag Floetenunterricht in einer Einrichtung, die sich “Casa Brasil” nennt und eine Art Begegnungs- und Bildungsstaette ist, die vom hiesigen Gouverneur gefoerdert wird. Die Philosophie des Projektes kann man in wenigen Worten so ausdruecken: Casa Brasil ist ein Treffpunkt fuer jederman, ob arm, reich, jung, alt, schwarz, weiss, Brasilianer oder Deutscher, der einen Beitrag zur Reduzierung der sozialen Ungerechtigkeit und hiesigen Armut leisten soll, um jene Menschen zu integrieren, die normalerweise am Rande stehen. Hier finden hauptsaechlich Computerkurse statt, die den Menschen in diesem wirklich sehr armen Bairro ermoeglichen, Computer nicht nur als Privileg der Reichen anzusehen. Aber auch die kulturelle Basis wird hier hochgeschaetz. Es finden Capoeirastunden statt, gelegendliche Kurse (z.B. “Receclagem”, es gibt eine Bibliothek, gab eine Theatergruppe und nun auch noch mich mit meinen Floeten – und alles ist fuer jedermann zugaenglich und voellig gratis.

Dort habe ich also zwei Floetengruppen mit ingesamt 15 Kindern aus dem Bairro von 6 - 13 Jahren. Von 9-10 Uhr lassen die Juengeren die Toene tanzen und von 10-11 Uhr die schon etwas Groesseren.

So hat sich mein Projekt quasi geteilt und ich bin von 7-9 Uhr in der Creche und ab 9 im Casa Brasil. Dort fuehle ich mich sehr wohl und habe wirklich wunderbare Freunde gefunden.

Nachmittags verbringe ich meine Zeit dann mal hier, mal dort. Ich habe mich mittlerweile daran gewoehnt, dem Nachmittag spontan seinen Lauf zu lassen und auch wenn man nur im Schatten unter einem grossen Cajúbaum beisammen sitzt und sich unterhaelt mit Gross und Klein, dann denke ich, traegt auch das - oder vielleicht gerade das - schon sehr zum “interkulturellen Dialog” bei...

Curso de Reciclagem”:

Im Moment findet im Casa Brasil ein “Curso de Reciclagem” (Recyclingkurs) statt, an dem ich teilnehme. Das ganze ist so zusagen “kreative Muellverwertung” und hier in Brasilien, auf Grund des riesen Muellproblems eine wirklich wichtige und tolle Sache.

Die Mehrheit der Menschen hier hat kein Gespuer fuer die Bewahrung der Umwelt und schmeisst jeglichen Muell einfach im wahrsten Sinne des Wortes vor die Tuer. So etwas wie Muelltrennung existiert hier nicht und die Strassenraender sind gesaeumt von Bergen aus Plasik.

Doch was man mit all den Plastikflaschen, auf die es hier natuerlich kein Pfand gibt, den leeren Shampooflaschen, Konservendosen, Papierschachteln und und und so alles zaubern kann, haette ich wahrlich nicht fuer moeglich gehalten - Spielzeug, Schmuck, Besen, Dekogegenstaende, ja selbst Haengematten lassen sich aus Plastikmuell kreiren.

Ja, so sieht er also aus, mein “Arbeitsalltag”. Geplant ist, dass ich nun nachmittags auch noch in der Creche Floetenstunden gebe... ich warte zur Zeit nur darauf, dass der Professor die Floeten fuer die Kinder dort vorbeibringt.

Ansonsten ueben wir fleissig “Noite Feliz” ( “Stille Nacht” um an Weihnachten auftreten zu koennen und allein das ist ja schon eine Herausforderung – fuer mich aber auch fuer meine “Meninos” (Kleinen).

"Freie Zeit":

Ich verbringe meine Zeit also von 7 Uhr morgens bis ca. 17 Uhr nachmittags in meinem Pro-jekt. Die restliche Zeit, die mir bleibt, meine freie Zeit, verbringe ich meistens, bzw. unter der Woche, “zuhause” - in meiner Gastfamilie.

Zum einen, da ich abends wirklich froh bin, mich einfach nur ins Bett oder in die Haenge-matte fallen lassen zu koennen und zum anderen, weil ich mich dort auch unglaublich wohl fuehle, und immer Leben im Haus ist, so dass es nie langweilig wird.

Wir sind insgesamt 9 Personen ( “Mama” Fatima, ”Papa” Fernando, Sohn Luiz Fernando - 18 Jahre, Tochter Ana Julia – 16 Jahre, Sohn Luiz Felipe - 10 Jahre, Cousine Tuany -13 Jahre, Cousine Renata – 18 Jahre, Tante Dona Rita – 82 Jahre, und meine Wenigkeit ) und 2 Hunde. Die Tueren sind stets fuer jederman geoeffnet, so dass oft noch Besucher den Tag erhellen. Ich verstehe mich mit allen sehr gut. Fatima ist eine liebevolle „Ersatzmama“, Renata eine wunderbare Freundin( sie ist ein verruecktes Huhn, immer fuer einen Spass zu haben, aber auch fuer ernste Themen hat sie stets ein offenes Ohr) und Luiz Fernando mehr als nur ein guter Freund fuer mich geworden.

An dieser Stelle moechte ich von Herzen dieser, meiner Gastfamilie danken, ohne die ich hier sicherlich niemals so gut zurecht kommen und mich aufgehoben fuehlen wuerde.

Die Wochenenden sind stets bunt gemixt... mal fahren wir an den Strand, mal ist ein Fest, mal ein Geburtstag, mal verbringe ich mein “Fim de Semana” in Morros da Marihana, im Haus von Maria und Bernd, wo ich auch schon einige tolle Freunde gefunden habe und wo mittlerweile nun auch Ana angekommen ist, mit der ich nun all die Grossartigkeiten und auch Seltsamheiten teilen kann.

Ansonsten bietet Parnaiba, diese meine Stadt der letzen 4 Monate, sehr viele Ausflugs-moeglichkeiten.


 

Die ca. 160 000 Einwohner grosse Stadt ist eine halbe Stunde vom Meer entfernt. Die Straende sind wunderschoen, es gibt eine Vielfalt riesiger Wanderduenen, auf denen man sich vor-kommt, als stuende man in Afrika mitten in der Sahara, der Fluss Parnaiba muendet hier ins Meer und dessen Delta, mit ueber siebzig kleinen und groesseren Inseln, erstreckt sich ueber viele Kilometer entlang der Kueste. Die Pflanzen- und Tiervielfalt, die der Nordosten bietet, ist atemberaubend und man koennte wochenlang mit einem kleinen Boot hinaus-fahren und wuerde doch nur einen kleinen Teil des grossen Ganzen erleben koennen. Es gibt viel zu sehen, das Interrior (Landesinnere) und vieles vieles mehr.

Dort, wo sich die Kulturen die Hand reichen…

Parnaiba an sich ist eigentlich sehr ruhig. Nicht zu gross, nicht zu klein - gerade richtig eben.

Trotzdem muss man sich an manchen Stellen in Acht nehmen und sollte sobald es dunkel ist ( was hier schon gegen 18h der Fall ist) nicht mehr alleine auf der Strasse herumlaufen.

Das ist eine Sache, an die ich mich hier nur schwer gewoehnen kann…

Man kann nicht einfach nachts weggehen, muss aufpassen in welchen Gegenden man sich aufhaelt, denn es ist gefaehrlich.

So war es schon gefaehrlich abends um 22h vom Bairro, in dem ich arbeite, mit dem MotorTaxi nach Hause zu fahren, da Ueberfalle nicht selten sind.

Wir sind in Deutschland in unserer Bewegungsfreiheit doch sehr wenig eingeschraenkt und muessen normalerweise keine Angst haben, uberfallen zu werden - Zumindest nicht in Koblenz, das ja ungefaehr die gleiche Groesse hat.

Hier in Brasilien ist eigentlich alles erlaubt. Es herrscht viel Freiheit im Tun - wenn es auch vielleicht Regeln gibt, daran halten tuen sich aber dann doch wenige.

So koennte man meinen, das Leben sei hier erfuellt von Freiheit (einige Brasilianer sind auch dieser Ansicht).

Doch die Freiheit aller kann die Freiheit des Einzelnen einschraenken.

Bei uns in Deutschland existieren zwar viele Regeln, Gesetzte und alles unterliegt einer gewissen Ordnung. Doch eben diese Ordnung und der Respekt vor dem Anderen (wie er zwar nicht immer, aber doch auch nicht selten vorherrscht) ist es, der uns ohne Angst und mit einer Art von Unbefangenheit durchs Leben schreiten laesst.

So sind die Menschen hier in Ihrem Tun uneingeschraenkter, dies macht aber alles gefaehrlicher;

und bei uns herrscht eine Gesellschaftsordung, die unser Handeln zwar lenkt, uns jedoch ermoeglicht, vieles zu tun, was hier niemals moeglich waere.

Zwei kurze Beispiele: es waere hier niemals auszudenken, dass ich nachts um 1 Uhr durch die Stadt laufen koennte um z.B den Nachtbus nach Hause zu nehmen, wie ich es in Koblenz so oft gemacht habe – mal davon abgesehen, dass es hier so was wie Nachtbusse gar nicht gibt. Jeder wuerde mich fuer voellig verrueckt erklaeren und tut dies schon, wenn ich um halb acht Uhr abends alleine den Weg von der Bushaltestelle nach Hause gehe (5min!).

Ebenfalls niemals auszudenken: ein Festival wie Rock am Ring! Als ich Luiz die Fotos zeigte, wo wir zusammen mit tausenden von Menschen sechs Tage lang in Zelten auf einem riesigen Feld uebernachtet haben, bekam er nur grosse Augen und meinte: Das waere hier niemals moeglich! Nach der ersten Nacht waere die Haelfte der Zelte ausgeraubt und zerstoert und im Zusammenhang mit Alkohol ebenfalls ein Grossteil der Leute im Krankenhaus, da Schlaegereien vorprogrammiert waeren!

Was mir hier jedoch immerwieder unglaublich positiv auffaellt, ist die offene und herzliche Art der Menschen.

Ich wurde hier von Anfang an immer herzlich und ohne wenn und aber aufgenommen.

Alle sind sehr interessiert an mir, meiner Person, meiner Kultur, niemand ausser vielleicht mir selbst, erwartet Wunder von mir, alle sind geduldig und hilfsbereit und wollen es mir hier so leicht wie moeglich machen und es findet ein angeregter Austausch der Kulturen statt... Im Kleinen, wie im Grossen;

Ich habe in der Zeit hier in Brasilien so viele unterschiedliche Menschen kennenlernen duerfen und tolle Freundschaften geschlossen.

Meine Gastfamilie hat mich vollstaendig als Famlienmitglied integriert. Ich fuehle mich ih-nen sehr nah und dazugehoerig.

Padre Carlos, mein Mentor und Begleiter hier, eine bewundernswerte, grossartige Persoenlichkeit, dem ich viel zu verdanken habe, ist mir ein guter Freund geworden und tut alles dafuer, dass ich mich wohl fuehle und es mir gut geht.

Die Kinder in meinem Bairro tun alles, um mir eine Freude zu machen ( ausser dem Stillsitzen und sich Konzentrieren, wenn es ums Lernen geht - normal  und ich habe sie ganz fest ins Herz geschlossen. Wenn ich morgens mit dem Motorrad durchs Bairro zum Projekt fahre, werde ich aus jedem zweiten Haus von Jung und Alt mit einem freudigen „Camilla!!!“ oder „Tia!“ (Tante) begruesst, was mich sehr gluecklich macht und mich spueren laesst, dass mein Dienst Fruechte der Freundschaft traegt.

Das Team des „Casa Brasil“ hat mich ebenfalls von Anfang an wunderbar intergriert und als Mitglied eingespannt, obwohl das ja eine voellig spontane Sache war, dort einen Floetenkurs anzubieten.

Dort fuehle ich mich sehr wohl und habe wirklich tolle Freunde gefunden. Wir haben sehr viel Spass zusammen, lachen viel und ich weiss schon jetzt, dass ich sie schrecklich vermissen werde.

Auch die Leute in Morros, Freunde von Ana, sind mir sehr ans Herz gewachsen und ich bin stets willkommen.

Ja, sogar mein Motorradfahrer Pedro, der mich jeden Tag zum Projekt faehrt, ist mir zum echten Amigo geworden und manchmal habe ich das Gefuehl, dass er sich ein bisschen wie mein Papa fuehlt, da er stets um mein Wohlbefinden besorgt ist, immer fuer mich da ist, wenn ich ihn brauche, mir hilft, wo er kann und mir stets mit Rat und Tat zur Seite steht.

Ach und ich koennte noch so viele andere aufzaehlen…….

JA, die Menschen sind der Grund, weshalb es mir hier so gut geht!

Denn leicht ist es nun wahrlich nicht fuer eine solch lange Zeit seine Heimat, die man in der Ferne erst als diese erkennt und zu schaetzen lernt, und seine Familie und Freunde, die zwar ganz tief in einem wohnen, egal wo man ist, deren Naehe einem aber fuerchterlich fehlt, hinter sich zu lassen, und sich aufzumachen, um die Welt zu sehen.

Ich vermisse sehr… ich vermisse EUCH!

Auch wenn ich mich hier sehr wohl fuehle, es ist doch alles anders. Oft werde ich ge-fragt: „Wo ist es besser, hier oder in Deutschland“… und stets kann ich nur antworten: „Das kann und will ich nicht beantworten… Es ist hier nicht besser oder schlechter als „da-heim“… es ist einfach nur voellig anders.“

Und das ist es wirklich…

Das Essen, die Menschen, die Mentalitaet, die Sprache, das Klima, die Natur, das „System“ welches auch immer, der Verkehr, der Blick fuer Schoen und Haesslich, die Prioritaeten… ach einfach alles!

Sicher, das war mir alles auch schon vorher bewusst; es jedoch wirklich zu erleben ist dann doch noch mal etwas anderes.

Es faellt mir schwer eine Sache zu finden, die hier genauso ist, wie bei uns. Und doch staune ich immer wieder, wie leicht es mir gefallen ist und mir auch immer noch faellt, mich einzuleben und mit all dem zurechtzukommen.

Mit der Sprache, welche meine groesste Sorge war, klappt es gut. Ich musste nie verzweifeln und kam bis jetzt ueberall dorthin, wo ich hin wollte. Die Leute verstehen mich und ich verstehe sie. Der Anfang war nicht leicht, aber ich hatte viel Spass dabei, mir meine Saetze zusammen zu basteln; und die anderen wiederum hatten Spass mit meiner lustigen Ausdrucksweise. Jeden Tag kamen ein paar mehr Woerter dazu und mein Woerterbuch war mir stets ein treuer Begleiter.

Mittlerweile liegt es im Schrank und ich wandle alleine auf portugiesischen Wegen.

Auch mit dem Klima, meiner zweiten grossen Sorge, da ich normalerweise kein Freund von Hitze bin, komme ich zurecht. Hier in Meeresnaehe geht stets ein angenehmer Wind und so machen mir die tagtaeglichen 32 Grad nicht viel aus.

Mit Kackerlacken, Ameisen in jeglichen Groessen, Ratten, Geckos und sonstigem „Viehzeugs“ unter einem Dach zu leben, ist ebenfalls zur Normalitaet geworden. Das der Lebensstandart geringer ist, macht mir wirklich gar nichts aus und vermissen tue ich hoechstens manchmal die wundervolle Erfindung „Waschmachine“… das aber auch eher aus Faulheit, als aus wirklicher Notwendigkeit.

Die Mentalitaet der Menschen ist ein Thema fuer sich und mir immer wieder ein Raetsel. Die Sache mit den zwei Gesichtern.

Irgendwie hat alles hier eine Forder- und eine Rueckseite, alles traegt ein Schwarz und Weiss in sich, zwei Gesichter, die dennoch das grosse Ganze ergeben. (wie passend, dass auch eine der beruehmtesten Telenovelas, die hier Kult sind und die Haelfte der gesamten Fernsehprogramms einnehmen, „Duas Caras“ – „Zwei Gesichter“- heisst).

Das ist dann wohl das beruehmte Yin&Yang - bei uns und anderswo sicherlich auch vorhanden und nur in der Alltaeglichkeit versteckt...

Aber dazu im naechsten Rundbrief mehr...

Ich werde nun so langsam zum Schluss kommen, denn es ist schon spaet und morgen werde ich nach Teresina verreisen, der Hauptstadt des Bundesstaates Piaui, um dort mit dem Team des „Casa Brasil“ an einem Feira Estadual de Economia Solidária e Agricultura (einer Messe der Oekonomischen und Solidarischen Wirtschaft und Familiaeren Landwirtschaft...) teilzunehmen.

Doch noch schnell moechte ich einen kurzen Blick in Richtung Zukunft werfen. Geplant ist, dass ich meinen Dienst Anfang/Mitte Februar fuer 2 Monate nach Pedro II an die Landwirtschaftschule Thomas a Kempis fortfuehren und danach in Esperantina in einem Jugendprojekt mitwirken werde.

Doch wie es letztendlich kommen wird, das weiss noch keiner so genau und da ist auch aller Spontanitaet freien Lauf gelassen.

Werde Euch aber auf dem Laufenden halten... versprochen.

Zum Schluss das, was eigentlich an den Anfamg gehoert.... MEIN DANK!!!

Und der kommt wahrlich von Herzen und gilt EUCH - meinem Unterstuetzerkreis, meiner Familie, meinen Freunden und all den lieben Menschen, die sich fuer mich und mein Leben hier am anderen Ende der Welt interessieren und mich begleiten, bei jedem Schritt den ich tue.

Ihr seid mir eine grosse Hilfe, finanziell wie ideell... Ihr seid mein Rueckhalt und ich bin unglaublich gluecklich und stolz, Euch „mein“ nennen zu duerfen...

Vielen Dank fuer alles...

Jetzt wuensche ich Euch nun endgueltig allen erstmal eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit...

Ich bin in Gedanken bei Euch, Euren Lieben und dem Duft von Tannenzweigen, Kerzen und Lebkuchen, die ich so sehr vermisse.

Ich bin sehr gespannt, wie mein Weihnachten verlaufen wird.

Sicher ist, dass ich Euch und vor allem meine Familie ganz schrecklich vermissen werde.

Ausserdem ist es etwas schwierig fuer mich, hier in Weihnachtsstimmung zu kommen - bei Plastiktannenbaeumen, 32 Grad im Schatten, strahlendem Sonnenschein und all der fehlenden Weihnachtstradition, die hier halt nicht zu finden ist.

Nichtsdestotrotz freue ich mich auf ein „Weihnachten auf Brasilianisch“ und verabschiede mich hiermit voller Erwartung auf das Kommende, und voller Dankbarkeit auf das Gewese-ne, mit einem einfachen

Até logo“ (Bis bald!)

Moegen sich unsere Seelen nachts im Traume treffen,

um zusammen, ganz nah, Schulter an Schulter

mit den Sternen zu tanzen........

Ich vermisse Euch sehr und bin in Gedanken stets bei Euch...

Die allerliebsten Gruesse...

Eure Camilla

Parnaiba im Dezember 2007

camilla87@gmx.de

 

 

 

15.12.07 19:03


Feliz Natal!!!!

Ich wuensche Euch aus tiefstem Herzen ein gesegnetes und frohes Weihnachtsfest.

In diesen Stunden vermisse ich mein Zuhasue ganz besonders und vermisse es, zu frieren, den Durft von Tannenzweigen und Zimt, Gluehwein und Kerzen...

Aber das macht alles nichts, denn ich bin froh und dankbar, hier mit wunderbaren Menschen ein "anderes" Weihnachten feiern zu duerfen!

Bei 36 Grad und strahlendem Sonneschein bin ich zwar immernoch nicht in STimmung und eher etwas verwirrt auf grund der Tatsache "HEiligabend" aber es wird schon werden.

Heute abend habe ich mit meine Floetenkindern einen Auftritt in der Kirche von Carlos und das wird sicher ganz lustig... unser erster Auftritt war Freitag und einfach furchtbar goldig... sie sind definitiv nicht perfekt und waren auch ganz aufgeregt aber es hat ihnen spass gemacht und das ist ja schliesslich die Hauptsache!

Werde nun das Haus mit sauber machen, damit auch alles blitzt am heiligen Abend!

Ich schicke Euch die liebsten Gedanken und Gruesse!

Eure Camilla, dieses Jahr ohne kalte Fuesse...


24.12.07 19:45


endlich Zeit zum gammeln...

ja, endlich Urlaub... endlich ein bisschen Zeit zum gammeln und entspannen...

ich hoffe ihr hattet alle ein schoenes Weihanchtsfest... meines war schoen aber eben anders. Den Tag habe ich damit verbracht putzen und kochen zu helfen... dann hat meine Familie angerufen und danach war ich leider zu nichts mehr zu gebrauchen... oh ja... sie haben mir an diesem Tag doch unglaublich gefehlt. Abends hatte ich dann in der Kirche von Carlos vor der Messe einen Auftritt mit meinem Floetenkids... hach... die waren super und ich ganz stolz! Leider waren die Mitglieder meiner Gastfamilie in einer anderen Messe, so dass ich im Endeffekt die Christmette alleine verbracht habe... ein bisschen traurig aber gut...! habe die 2 Stunden alleine, nur fuer mich und mit mir, sehr genossen. Mein erstes Weihnachten allein, weit weg von daheim... verrueckt, traurig und irgendwie wunderbar... ich bin tatsaechlich "aus´m Haus"...! Da die Messe bis um halb eins gedauert hat, habe ich hier zuhause leider die "Bescheerung" verpasst... das war sehr schade aber eben auch nicht zu aendern. Wir hatten hier "volle Bude" mit Freunden und Verwandten und es war eiegntlich wie jede Feiern hier in diesem Hause... Essen und Trinken... zusammensitzen, dem Gitarrenspiel von Luiz oder Robert lauschen und sichs gutgehen lassen. Ana wollte eigentlich mit mir, mit uns, Heiligabend verbringen, aber ihr ging es dann abends nicht so gut und sie ist leider zuhause geblieben............... Schade... aber es war in Ordung wie es war... jetzt steht Silverster vor der Tuer und wir werden, wenn alles gut geht, am Strand zwischen Palmen und mit Sand unter der Fuessen ins neue Jahr rutschen ... ich freu mich schon...

hier gibt es eine schoene Tradition... Die meisten Leute ziehen an Silverster weisse Kleidung an... auf dass das komende Jahr viel Paz (Frieden) bringen solle... so werd ich das dann wohl auch tun...

nun gut... es ist spaet und ich werde nun zu Bette schreiten...

Ich sende einen froehlichen Gruss in heimische Gefilde...

Alles gute nochmal meiner Mama, die heute... ach ne... ist ja schon gestern, 51 Jahre alt geworden ist...

Parabens pra você! Te amo!

Machts gut und bis bald... Eure Camillinha

 

29.12.07 04:18


Feliz ano novo, meus Amores!!!!

Feliz ano novo.... ja, ein glueckliches neues Jahr, das wuensche ich Euch! auf dass es Euch viel Felizidade (Glueck), Paz (Frieden), Saude (Gesundheit) und Amor (Liebe) schenken moege...

Ich bin in dieser Nacht ganz fest im Herzen mit Euch verbunden und werde, wie schon gesagt, am Strand, in mitten von Palmen und mit Sand unter den Fuessen ganz feste an Euch denken.

Rutscht gut rein und passt auf Euch auf....

die allerliebsten Gruesse

Abraços e beijos

Eure Camilla

31.12.07 21:39





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