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Brasil

Zwei Gesichter Eine Erfahrung

- Klappe, die Dritte -

Im Juni 2008

Liebe Freunde, Familie, Verwandte, Bekannte,

Unterstützer und Wegbegleiter…

Einige Monate sind nun schon wieder ins Land gezogen, dass ich mich das letzte Mal zu Wort gemeldet habe. Viel Zeit hat diesen Erdball umrundet und ich, und wir - mit ihr. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell diese verstreicht und uns mit sich trägt. Elf Monate sind es nun schon, die ich hier auf der anderen Seite der Weltkugel verbringe, doch eigentlich kommt es mir vor , als sei es gestern gewesen, dass ich mich aufmachte in eine neue Welt.

Meine letzen Monate waren erfüllt von neuen Eindrücken, Geschichten, Aufgaben und Gesichtern. Von Ihnen möchte ich Euch und Ihnen nun in diesem, meinem dritten Rundbrief berichten...

Mein letzter Rundbrief endete mit Karneval und dem zukünftigen Projektwechsel nach

Pedro II

Eben dies geschah dann auch am 10.02.08. Zusammen mit Ana, meiner deutschen Freundin mit brasilianischem Blut, machte ich mich auf in das Städtchen Pedro II, wo ich vier Monate bleiben sollte. Die Kleinstadt, gelegen auf einem Berg und umgeben von Sertão und Serra, von wüsten- und buschartigem Hinterland und einer großen Talfläche, wird auch “die Schweiz Piauis” genannt, da es der kälteste Ort in Piaui ist - ich habe in der Regenzeit sogar richtig gefroren, da die Temperaturen auf bis zu siebzehn Grad in der Nacht gesunken sind und durch den starken und anhaltenden Regen die Feuchtigkeit in jede Ritze zog. Pedro II ist ebenfalls bekannt für seine reichhaltigen Opalminen. Der Opal ist ein Edelstein, der in Blau- bis Regenbogenfarbtönen schimmert und sonst nur noch in einer Region Australiens vorkommt.

Die vier Monate vergingen wie im Flug und ich stehe schon wieder kurz vor meinem erneuten Wechsel zurück nach Parnaiba. Voll Freunde und Dankbarkeit kann ich zurückblicken, auf die Zeit die ich hier verbringen durfte.

Untergebracht in einem eigenen Häuschen, dass das “Centro de Formaçao Mandacaru” für uns Freiwillige bereitgestellt hat, hauste ich zusammen mit Ana und Julius, einem Mitfreiwilligen aus Bayern. Dies war die erste neue Erfahrung für mich, nachdem ich ein halbes Jahr in einer brasili-anischen Familie verlebt hatte.

Ebenfalls neu und vielseitig war der Projektbereich, in dem ich mitwirken sollte. Das Zentrum Mandacaru begleitet viele verschiedene Bereiche des sozialen sowie ökologischen Arbeitsfeldes. Die Hauptprojekte sind die Ökoschule Thomas a Kempis, die Kindergärten “Asa Branca” in Pedro II sowie im Landesinneren, Bibelarbeit in den Dörfern im Landesinneren, der Kampf um Land in den Landlosenprojekten, Arbeit im landwirtschaftlich-ökologischen Bereich und Zisternenprojekte (ein Arbeitsfeld, welches mittlerweile ein eigenständiger Zweig geworden ist.)

All dies wurde von der deutschen Theologin Maria Platen initiiert und strukturiert. Schon seit Jahr-zehnten begleitet sie die Menschen im Nordosten Brasiliens. Das Zentrum Mandacaru unterstützt in vielseitiger Weise das Leben der Menschen in Pedro II und Umgebung.

Ökoschule Thomas a Kempis…

Zunächst gab ich, zusammen mit Ana in der Ökoschule Thomas a Kempis Englischunterricht in der fünften Klasse bis zur Abschlussklasse.

Die Ökoschule ist eine ganz besondere Schule. Eine Ganztagsschule die dieses Jahr hundertfünf-undsechzig Jugendliche von der fünften bis zur elften Klasse, der hiesigen Abschlussklasse, begleitet. Neben den klassischen Fächern wie Portugiesisch, Englisch, Mathematik, Sport etc. gibt es als Besonderheit ebenfalls Praxisunterricht in der Landwirtschaft und Tierzucht, Naturheilkunde, Unterricht über die Geschichte Piauis, Umwelterziehung, Arbeitsgemeinschaften und Kunst-unterricht.

Auf dem Schulgelände gibt es eine große Fläche an Kräuter- und Naturheilpflanzen-gärten, Gemüsebeeten, bestellten Feldern, eine Ziegenherde, Schweine, Hühner. Es wird Bienen-zucht betrieben, die eine Menge leckeren Honig zum Selbstverzehr und der Herstellung der Haus-medizin liefert, ebenfalls wird Papier aus recycle-barem Material hergestellt.

Die Ursprungsidee der Schule war, den Kindern, die aus dem Interior dem Landesinnern kom-men, eine sowohl allgemeine, als auch praxisnahe Bildung und Ausbildung zu vermitteln. Es sollen Perspektiven geschaffen werden, die den Schülern, im Hinblick auf eine gute und ertragreiche Nutzung ihrer Möglichkeiten helfen. Sie sollen ihre Zukunft nicht nur in den Ballungszentren, wie z.B. Sao Paulo sehen, sondern die Möglichkeiten, die ihnen ihre Heimaterde bietet, erkennen und nutzen. Alles beruht auf dem Prizip des Zusammenlebens mit der Dürre, und nicht im Kampf gegen sie.

Als wir ankamen wurde uns schon gleich der Englischunterricht übertragen, da sich die Eng-lischlehrerin noch um ihr Neugeborenes zu kümmern hatte. Englischunterricht zu erteilen, war eine ganz neue Erfahrung für mich. Mit einem Wirrwarr aus drei Sprachen in meinem Kopf schnappte ich mir die Bücher und versuchte, so gut es ging (doch es ging besser, als ich dachte) den Schülern die englische Sprache näher zu bringen. Da die Grundkenntnisse hier um ein vielfaches geringer sind als bei uns und es unter anderem auf Grund der quasi nicht vorkommenden englischen Sprache im Alltag der Brasilianer, an grundlegenden Kenntnissen bezüglich der Aussprache und an Vokabeln mangelt, hab ich es mir zur Aufgabe gemacht, mit den Schülern zu lesen, Wörter zu lernen und Unterhaltungen auf Englisch zu führen. Das hat auch alles ganz gut „geklappt“, sodass die Schüler nicht ohne Unterricht bleiben mussten.


Wie in der BRS in Koblenz versprochen, habe ich mit der fünf-ten Klasse der Ökoschule eine Stunde über Deutschland und den Kulturaustausch gehalten. Im Auftrag der sechsten Klas-se der Bischöflichen Realschule, Koblenz, mit der ich im letzten Jahr zusammen mit Ana und den Lehrerinnen Andrea Heimbrodt-Schick und Bettina Bolhöfer einen Tag mit „Brasilienvorerfahrung“ verbracht habe, überbrachte ich selbst geknüpfte Freundschaftsarmbänder und Bilder. Wir unterhiel-ten uns über Deutschland und das Leben dort. Gemeinsam knüpften wir ein Freundschaftsnetz, bastelten Freundschafts-bändchen und malten das, was uns gefällt und was wir gerne mögen, um so ein Stück Brasilien, entstanden durch Kinder-hand auf die Reise zu schicken, als erwiderter Händedruck und Umarmung an die sechste Klasse in Koblenz. Ein kleiner Anfang für einen konkreten Dialog der allen viel Freude bereitet hat.



Asa Branca“ ...

Nachdem die Englischlehrerin wiederkam ist und Ana in das Dorf ihrer Mutter gegangen ist, habe ich hauptsächlich die Arbeit im Kindergarten „Asa Branca“ („Weisser Flügel“, ein Vogel, der für das Leiden und Überleben des Volkes in der Dürre des Nordostens steht) in einem der am Rande gelegenen Stadtbezirke begleitet. Zwei Gruppen füllen das kleine, freundliche Haus, das mit Hilfe deutscher Spenden renoviert und den Bedürfnissen der Kinder angepasst werden konnte. Die älteren Kinder treffen sich hier von Montags bis Freitags an den Vormittagen. Die Jüngeren kommen am Nachmittag. Ich war hauptsächlich an den Nachmittagen „Tia“ („Tante“; so werden die Kindergärtnerinnen und Lehrer hier liebevoll gerufen. Marlene (Kindergärtnerin der Nachmittagsgruppe), eine der durch Maria Platen intensiv begleiteten Menschen, die mittlerweile selbst Verantwortung trägt, begleitete und unterstützte, spielte, lachte, malte, tanzte, sang und baute ich Türmchen mit den Kindern, die ich alle so sehr in mein Herz geschlossen habe.


Es war eine sehr intensive Erfahrung für mich, da die Struktur des Kindergartens im Gegensatz zur Creche in Parnaiba sehr viel weiter ist, ich sehr mit einbezogen wurde und mich auch gut und gerne einbringen konnte.

Ich habe ebenfalls einige der Familien der Kinder ken-nen lernen dürfen und ein kleinen Bericht darüber verfasst, den ich im Anhang mitschicke.

Die Situation dieser Familien und die Realität des Stadtviertels kennen zu lernen, zu sehen unter welchen Bedingungen die Menschen hier leben, hat mich sehr bewegt. Ich möchte euch die Geschichte eines der Kinder erzählen, von Francisco, den ich trotz aller Problematik oder vielleicht gerade deswegen sehr, sehr lieb gewonnen habe.

Francisco ist ein fünfjähriger Junge, den ich etwas später als die anderen Kinder des Kindergar-tens kennen gelernt habe. Mit seinem schelmisch Grinsen und den ewigen Fragen über Deutschland und meine Familie hatte er sofort mein Herz erobert.

 


 

Doch leider war Fransisco anfangs ein „ernstzunehmendes Problemkind“. Egal wohin ihn seine Füße trugen, schlug er jedes Kind, dass seinen Weg kreuzte und verbreitete Chaos in unserer Gruppe. Tagelang „verfolgte ich ihn auf Schritt und Tritt“, um zu garantieren, dass kein Kind weinen musste oder verletzt wurde. Wir haben uns unterhalten, zusammen gespielt und uns wunderbar verstanden. Es war die Aufmerksamkeit und Zuneigung, die ihm gefehlt hat und die Konsequenz bei den Rückmeldungen zu seinem Sozialverhalten, dass er erlernen musste. Nach und nach wurde es besser und heute spielt er ohne zu schlagen und voller Freude mit den andern. Seine Wut, die so oft aus seinen Augen sprang, hat um einiges abgenommen. Einmal erzählte er mir, dass er nicht nach Hause will, weil seine Mutter bestimmt wieder betrunken sei und dass er mit ihr zusammen in einer Hängematte schläft, da er keine eigene besitzt. Da bin ich noch aufmerksamer geworden und zusammen mit Rosinha, einer Mitarbeiterin von Mandacaru, die zuständig für die Familien und Struktur des Kindergartens ist, besuchten wir ihn zuhause. Seine Mutter, eine magere Frau und wenig gepflegt, lebt mit ihm und einem schwerkranken Mann der, wie sich später herausstellte, Fransiscos Vater ist, zusammen in einem gemieteten Häuschen, welches außer zwei Hängematten, einem selbstgebauten „Herd“ und einem Holzhocker ein „Hauch von Nichts“ füllt. Die Frau hat noch drei weitere Kinder, die alle von ihrer Mutter, also von der Oma, aufgezogen wurden. Diese ist mittlerweile ans Bett gefesselt und von einer Krebserkrankung gezeichnet. Da Fransicso nicht offiziell registriert ist, besitzt die Mutter keine Dokumente, um die finanzielle Familienunterstützung des Staates zu bekommen - die „Bolsa Familia“, welche eine große Hilfe für die Familie wäre. All dies hat sich jetzt Rosinha zur Aufgabe gemacht und unterstützt die Familie nun soweit sie kann.

Ich habe Fransisco eine Hängematte geschenkt, doch leider hat seine Mutter sie verkauft, um ei-nige Schulden zu begleichen. Als ich Fransisco nach der neuen Hängematte fragte, wie er darin schläft, gab er mir zur Antwort: „Meine Mutter hat sie verkauft.“ Er wechselte dann ganz schnell das Thema. Ich war darüber sehr traurig und enttäuscht. Doch als sich seine Mutter dann an meinem letzten Tag im Kindergarten weinend bei mir entschuldigt, bzw. sich erklärt hat und ich die Not in ihren Augen sah, verstand ich wie Armut Menschen demütigt und klein macht! Ich hoffe nun von Herzen, dass sich ihr Leben mit Rosinhas Hilfe ein bisschen verbessern kann. In ihren Herzen, in Fransiscos aber auch in dem seiner Mutter hat sich auf jeden Fall schon einiges geregt, gewandelt und dass ist das wichtigste und ein Anfang.

Ich habe in der Zeit im Kindergarten viel gelernt; seien es brasilianische Kinderlieder, Tänze, Streit zu schlichten, Tränen zu trocknen, zu sehen, zu hören und den kleinen Kinderstimmchen höchste Achtung zu schenken... All das erfüllt mich sehr und führt mir vieles vor Augen was mir sonst vielleicht verborgen geblieben wäre.



Ich werde diese Nachmittage sehr vermissen!

Meine frühen Vormittage verbrachte ich anfangs im Centro Mandacaru, wo ich kleine Aufgaben übernommen habe, wie zum Beispiel Karten zu basteln, die aus dem selbst geschöpften Papier der Ökoschule hergestellt werden oder Geschenke für die Mütter zum Muttertag oder Puppenbettchen für den Kindergarten herzustellen. Immer gab es etwas zu tun und war daher auch sehr abwechslungsreich.


Chic bei „Xique Xique“...

In meinen letzten drei Wochen durfte ich morgens mit den Weberinnen des Verbandes „Xique Xique“ (Chic Chic), der anfangs ebenfalls ein Projekt Mandacarus war, mittler-weile aber ein eigenständiger Verein ist, verbringen. Ich ha-be es geliebt!!! In der „Associaçao“ arbeiten elf Frauen, allesamt Arbeiterinnen und Kämpferinnen, eben starke Frauen, die ihren Lebensunterhalt mit der Herstellung von handgewebten Teppichen, Tischdecken, Hängematten, Taschen, Schals, Bettdecken und sonstigem wunderschönem Kunsthandwerk verdienen.


Die Arbeit ist, auch wenn sich das manche vielleicht nicht vorstellen können, wirklich hart, geht an die Knochen, Gelenke, erfordert eine ganze Menge Geduld und Durchhaltevermögen. Sie ist im Bezug auf das Preis-Leistungsverhältnis ein wirklich „hartes Brot“.

Die Anfänge von Xique Xique entstanden mit der Unterstützung vom Centro Mandacaru, das ihnen finanziell, wie ideell zur Seite stand und dieses Projekt ins Leben gerufen hat. Zu diesen Zeiten litten die Frauen sehr und Manda-caru bot ihnen eine Zukunftsperspektive. Mittlerweile haben sie sich selbständig gemacht und sind von niemandem - nur noch von sich selbst - abhängig. Dies ist eines der Beispiele, wie frucht-bar die Arbeit von Mandacaru ist. Vielleicht hat ja der ein oder andere von Euch schon eines ihrer Arbeiten zu Hause. Der Chor meines Vaters das Vokalensemble „mandacaru koblenz“ verkauft stets Arbeiten der Weberinnen, um diese zu unterstützen und Spenden zu sammeln.


 

Ich genoss die Zeit mit den Frauen sehr, gewann Einblicke in die Kunst des Webens und wäre unglaublich gerne noch eine Weile geblieben, da mich dieses Kunsthandwerk sehr interessiert und ich all die starken Frauen sehr ins Herz geschlossen habe.

Schon jetzt freue ich mich auf ein Wiedersehen...


...auf dem Land...

Ebenfalls eine ganz neue Erfahrung für mich waren die Aufenthalte im Interior, im Landesinneren. Dort lernte ich einige der Dörfer kennen, die in der Halbtrockenzone, im Sertão liegen. Die Menschen hier haben sehr harte und schwere Lebensbedingungen.

Das Leben im Interior ist ein ganz anderes, wie wir es bei uns zuhause kennen. Immer noch gibt es viele Dörfer, denen Strom und fließendes Wasser fehlen oder wo diese zwei für uns so selbstverständlichen Lebensgüter erst vor kurzem installiert worden sind. Doch zum Glück gibt es die nötigen Projekte, die sich um die allmähliche Verbreitung auch in die abgelegensten Winkel kümmern.

Ich verbrachte einige Zeit in diesen Dörfern und von zweien möchte ich euch erzählen.

Eine Erfahrung der ganz anderen Art war für mich der Besuch des Interiores Vale de São Fransisco. Das in einem Tal gelegene Dorf, weit weg von Pedro II, ist noch ganz ursprünglich. Die Energie ist dort noch nicht angekommen und das Leben noch wie vor vielen Jahrzehnten. Die Menschen leben hauptsächlich von der Feldarbeit und der Viehzucht, die ihre Lebensgrundlage und ihr täglich Brot sind. Ich verbrachte dort zusammen mit Julius drei Tage bei Verwandten eines Lehrers der Ökoschule.

Wir wurden sehr liebevoll aufgenommen und lebten dort den Rhythmus eines Bauernhauses. Das heißt: der Vater geht früh morgens aufs Feld (zu unserer Zeit haben die Männer dort Honig gesammelt) und die Mutter bleibt im Haus und in der Küche und versorgt das Vieh, sowie Hühner und Schweine. Die Kinder helfen ebenfalls mit. Die Jungs helfen dem Vater auf dem Feld oder kümmern sich als Hirten um die Ziegenherde. Die Mädchen helfen der Mutter, holen die Lebens- mittel vom Feld oder erledigen sonstige Hausarbeiten. Die ganz Kleinen dürfen spielen und ihre kurze Kindheit genießen. Jede Hand hat ihre Aufgabe und alle sind ein eingespieltes Team.

Einen Tag sind wir zusammen auf einen der umliegenden Berge „gekrackselt“, von dem man eine wundervolle Sicht auf das darunter liegende Tal und Land hatte. Über Stock und Stein, durch Wald und Wiese, an Wasserfällen mit Kokospalmen, die unseren Durst löschten, bergauf und bergab ging es und wir hatten alle sehr viel Spaß.

Gegen fünf, halb sechs, wenn die Dämmerung einsetzte und die Sonne ihre letzen Strahlen über die umliegenden Bergrücken schickte, wurden die Öllampen angezündet und dieses gelbgoldene Licht war das einzige, was uns die Dunkelheit erhellte. Abendessen bei Kerzenschein - rustikale Landhausromantik! Doch bei all der Romantik, die dies hatte, habe ich gespürt, wie schwer und umständlich das Leben auf diese Art und Weise ist. Fließendes Wasser bekommt die Familie von einer nahe gelegenen Bergquelle. Dieses Wasser erlaubt es ihnen zu Duschen, doch die meisten Sachen, wie zum Beispiel die Küchenarbeit, wird mit Wasser aus dem Tank oder der Zisterne erledigt. Eine Toilette, so wie wir sie kennen gibt es ebenfalls nicht... Das heißt, sie besteht aus einem Steinhüttchen und einem dort eingelassenen Loch. Dieses „Klo“ wurde allerdings eher von allerlei Viehzeugs benutzt, als von den Bewohnern. Diese zogen es eher vor, in den umliegenden Wald zu gehen.

Ein Leben, eben ganz anders, dem Rhythmus der Natur angepasst, ohne Luxus, beeindruckend, aufrüttelnd und „nachdenklich – für den eigenen Weg“.

Ein anderes Dorf, das mein Herz erobert hat, war Victoria.

In Victoria besuchte ich einen der drei existierenden Kindergärten des Centro Mandacaru. Zusammen mit der Kindergärtnerin Claudia lernte ich die Realität der dort lebenden Familien kennen und konnte die Kinder im Kindergarten begleiten.

Eine Tradition die mir dort wie auch in Vale de Sâo Fransisco begegnet ist, und die ich wunder-schön finde, ist die der Mariennovene im Monat Mai. Einen Monat lang versammeln sich die gläubigen Dorfmitglieder jeden Tag in einem anderen Haus und beten zusammen den Rosen-kranz. Jung und alt, ein jeder nimmt Teil. Der Kerzenschein, der die Marienfigur des Dorfes bestrahlt, zieht mit ihr von Haus zu Haus und verbreitet eine ganz eigene mystisch Stimmung.

Der Glaube hat hier eine ganz besondere Kraft, die im Herzen wurzelt und mit Selbstverständlichkeit und Überzeugung gelebt wird, die mich sehr beeindruckt und bewegt hat. Das Leben dort ist schon ein ganz Spezielles. Gewaschen wird an Wasserlöchern, die durch die Regenzeit angefüllt werden und in der Trockenphase aber mit jedem Tag schwieriger zu erreichen sind! Nur jeden zweiten Tag fließendes Wasser! Früh aufstehen und früh schlafen gehen. Der ganze Rhythmus ist irgendwie anders. Es waren vier sehr schöne und besondere Tage an denen ich mich sehr wohl gefühlt habe.

In den vier Monaten, in denen ich so Vieles erfahren habe und die so rasend schnell vorbei gingen, habe ich innige Freundschaften geknüpft, Neues erfahren, viel Spass gehabt, anders gewohnt, anders gelebt und mich anderen Voraussetzungen gestellt. Auch hier werde ich ein Stück meines Herzens zurücklassen.

All die Erfahrungen die ich machen durfte, so anders als die, die ich in Parnaiba gesammelt habe, werden mich stets im Herzen begleiten. Ich bin sehr, sehr dankbar , dass Maria und „Mandacaru“ mich begleitet und mir dies ermöglicht haben. Muito Obrigada pôr tudo!


...auf Reisen...

Ach ja... da gab es noch etwas ganz anderes, wovon ich euch erzählen wollte!

Im März nahm ich am Zwischenseminar der „Waldorffreunde“ in São Paulo teil. Ich machte mich auf in diese riesige Metropole und verbrachte dort fünf Tage zusammen mit dreißig anderen Freiwilligen, die ihren Dienst über die Anthroposophische Institution: „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ leisten, um meine bisherige Zeit in Brasilien zu reflektieren. Das Seminar war ganz gut und gab mir Zeit, für mich herauszufinden, was mich bewegt, was ich schon getan habe, ob ich damit zufrieden bin oder was ich vielleicht verändern möchte und was ich mir für meine restliche Zeit noch wünsche. Auch wenn ich so gerne zusammen mit Thomas, meinem „MitSOFiAisten“ hier in Brasilien an dem FidSeminar in Salvador da Bahia teilgenommen hätte, was aber leider nicht möglich war, so tat es mir sehr gut, mich auszutauschen und einmal einen „Stop“ einzulegen, um in mich hineinzuhören. Ich fand mich dort unten in Süden, in einem völlig anderen Brasilien wieder, als dem mir Bekannten und Vertrauten. Aus Piaui kommend, dem Bundesstaat, der die höchste Analphabetenrate, die niedrigste Bezah-lung in Beruf und das in der Armutsrate an zweiter Stelle steht, kam ich in ein sehr „europäisches Brasilien“. Sehr erstaunt über all die Unterschiede, den Fortschritt, die Struktur und Mentalität wurde mir deutlich, Brasilien ist so unendlich groß und vielfältig - „mein Bild“ dieses Landes füllte sich voll mit neuen Farben, vielfältigen Eindrücken und offenen Widersprüchen.


 

Von Sao Paulo aus reiste ich mit Sophia, einer Freiwilligen, die ich auf dem Seminar kennen lernte, spontan weiter nach Foz do Iguaçu, den größten, beeindruckendsten und wunderschönsten Wasserfällen, die ich je gesehen habe. Am Drei-Ländereck Brasilien-Agentinien-Paraguay gelegen, verbrachte ich zwei Tage und reiste von dort aus weiter nach Maringá, um Thomas in „seinem“ Brasilien zu besuchen. Sehr beeindruckend ist diese Stadt, die so komplett anders ist als Parnaiba und jede andere Stadt in Piaui. Maringá ist eine Stadt, die von Beginn an geplant und gestaltet wurde. Man merkt dies mit jedem Schritt den man tut. Alles ist sehr ordentlich, ästhetisch und vor allem viel gepflegter und sauberer als im Nordosten. Ich war dort untergebracht in einer WG von Thomas Freunden, mit denen ich mich unglaublich gut verstanden und die ich sehr lieb gewonnen habe. Ich wurde mitgenommen, das maringarische Nachtleben kennen zu lernen, hatte meinen eigenen Stadtrundgang und durfte ein bisschen vom dortigen Studentenleben miterleben. Ich habe diesen Trip sehr genossen, mir größtes Reisefieber eingefangen und fand es sehr schön Thomas zu treffen, um mich mit ihm austauschen zu können.

...soweit, so gut...

Ja... das waren sie, die „Gedanken in Kurzfassung“, meiner letzten vier Monate.

Erfüllt und dankbar geht es nun für mich in die Endrunde. Kaum zu glauben aber wahr! Ich werde nun zurückkehren nach Parnaiba, worauf ich mich sehr freue, denn die Sehsucht nach meinem „ersten zuhause“ hier in Brasilien ist gross. Ebenso die Sehnsucht nach meinen Lieben dort und nach Luiz, der mir immernoch treu zur Seite steht und mit dem ich sehr glücklich bin. Am 26.ten Juni kommt schon meine Mama und mein Bruderherz Simeon zu Besuch, zusammen mit Bernd, meiner Nachfolgerin Rosa und der Studiengruppe mit Ingrid, Steffi, Paul und den anderen; und kurz danach eine meiner besten Freundinnen Hanne, auf die ich mich von Herzen freue. Ich bin schon jetzt ganz aufgeregt und kann es kaum erwarten, sie alle in meine Arme schließen zu können.

Danach bleibt mir noch der August, um mich zu verabschieden und Carlos, der im Oktober nach Deutschland kommt, einen kleinen Crashkurs Deutsch zu geben. Ebenfalls werde ich mich mit meinen Kids zusammensetzen, um ein bisschen was zu basteln, zu werken, zu malen, zu knüpfen... „ ein bisschen Kunst tut immer gut tut!“

Ich freue mich sehr auf die Zeit, die mir noch bleibt und blicke schon jetzt mit gemischten Gefüh-len auf den kommenden und nicht aufzuhaltenden Abschied, der mir schon jetzt, wenn ich daran denke, das Herz zerreißt. Doch bis dahin ist ja noch etwas Zeit und nun heißt es erstmal jede Minute voll auskosten, bedenken und genießen.

Ich möchte Euch und Ihnen allen von ganzem Herzen danken für Unterstützung und Begleitung, für Gedanken und Telefongespräche, für Heimatgrüße und Anteilnahme.

Gerne sende ich auch meine liebsten Grüße und Küsse hinaus an „meine Welt, dort jenseits des Ozeans“ und trage einen jeden von Euch und Ihnen in meinen Gedanken und meinem Herzen mit.

Eine

innige Umarmung

aus dem heißen Piaui ins ebenfalls

ja zur Zeit heiße Deutschland


...von und zu Herzen...

Eure Camilla


 

camilla87@gmx.de




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